Der Rabe

Liege unter dem Wacholderstrauch
und sterbe.
Komme aus dem Krieg,
dem unmenschlichen Gespenst.
Schwer verwundet, ohne Hoffnung
lieg ich da und bete.
Bete, dass meine Braut nie erfährt,
wie es mit mir zu Ende ging.
Da fliegt ein Rabe über mir,
bereit, meine Seele zu holen.
Noch kreist er,
wartet geduldig auf den letzten Atemzug.
"Rabe, flieg! Flieg zu meiner Braut!
Wenn du meine Seele geholt hast,
flieg zu ihr! Und erzähle!
Erzähle eine Lügengeschichte über mich!"
"Rabe, lieber Rabe, schwör mir jetzt,
dass du ihr sagst, ich lebe noch!
Ich lebe jetzt mit einer anderen
und bin glücklich ohne meine Braut!"
"Rabe, lieber Rabe, verstehe doch!
Sie soll sich nicht grämen
und mich betrauern,
zerbrechen, weil ich gefallen bin!"
"Rabe, mein Retter, nimm den Ring
den sie mir schenkte
in glücklichen Zeiten.
Bring ihn ihr zurück!"
So sterb ich jetzt, vertraue
einem Vogel das Schicksal
meiner Liebe an, der einzigen.
Und verfluche diesen Krieg - zu spät!
©Michael Kalters
